Interview mit Trainer Rico May

RM_TLZ28. Juni 2014

In der heutigen Ausgabe der Thüringischen Landeszeitung erschien ein Interview mit Trainer Rico May. Da leider keine Online-Version des Artikels zu haben ist, hier noch mal der Wortlaut.

Herr May, Deutschland ist Europameister in der Leichtathletik. Wie geht das?
So ein Team-Wettkampf ist eine geniale Geschichte. Das erleben wir ja auch. Bei Jugend trainiert für Olympia haben auch wir so die Möglichkeit, als Team aufzutreten.
Die einzige Disziplin, die wir sonst haben, ist der Staffellauf. Bei der Team-EM hat man gut sehen können: Jeder hat zuerst gefragt, wie viel Punkte er gemacht hat fürs Team – und erst dann: Wie weit bin ich gesprungen, wie schnell gelaufen? Das ist eine klasse Geschichte.

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Entwickelt sich da richtiger Mannschaftsgeist unter Einzelsportlern?
Ja. Weil man ja die Punkte auch für die anderen mit holt. Und es kann auch mal einer, der vielleicht einen schlechten Tag erwischt hat, durch einen anderen aufgefangen werden. Das gefällt mir gut.

Macht eine solche Team-Geschichte die Leichtathletik attraktiver?
Auf jeden Fall. Weil es auch kurzweilig ist. Man hat nur vier Versuche. Alles geht schnell.

Ist das auch auf nationaler Ebene denkbar?
Man versucht es. Aber es gibt wenig Vereine, die so breit aufgestellt sind, dass es sinnvoll ist, eine Mannschaft zu bilden. Aber es muss sich etwas tun. Die Wintersportler machen es uns vor, zum Beispiel mit Mixed-Staffeln.

Vorbild: Biathlon?
Ja, warum nicht. Die sind vielleicht gerade im Weltmaßstab nicht mehr so stark wie früher. Aber es geht ja auch darum, medial präsent zu sein. Das schaffen wir mit der Leichtathletik mit den paar Stunden Sendezeit am Wochenende von der Team-EM schon auch. Aber es ist nur ein Anfang. Eine normale Meisterschaft wäre nicht so übertragen worden.

Ist die Individualität ein Problem?
Die der Vereine ist ein Problem. Jeder kocht sein eigenes Süppchen und versucht, seine Leute darzustellen. Da geht der Teamcharakter ein bisschen verloren. Der Deutsche Leichtathletik-Verband versucht da, gegenzusteuern. Aber das ist nicht einfach. Der Verein hält den Athleten, bezahlt ihn, sichert die Ausbildung ab.

Gibt es beim LC Jena auch den Teamgedanken?
Wir sind dabei, es etwas anders zu bauen. Und zwar disziplinspezifisch. Heißt: Den Sprint als Team, den Wurf als Team und so weiter. Im Training ist Leichtathletik Mannschaftssport. Und das müssen wir noch stärker zeigen, dann auch im Wettkampf. Ich selbst baue das Sprintteam auf. Da trainieren Leute zusammen, die 15 oder 20 Jahre alt sind. Die fahren zusammen zu Wettkämpfen, stellen sich medial gemeinsam dar.
Und die ersten Erfolge sind da. Ich merke, dass wir das beim LC Jena schaffen werden. Es dauert alles seine Zeit. Was über Jahre brach lag, kann nicht in kürzester Zeit blühen. Wir sind gerade seit dem Winter als Team zusammen.

Gibt es eine Resonanz der Sponsoren?
Das haben wir. Man merkt, dass man eher rankommt als mit Einzelsportlern. Für unser Team haben wir beispielsweise ein Jenaer Unternehmen aus der Mobilfunkbranche gefunden, das als Namensgeber auftritt. Von den kommunalen Unternehmen hören wir leider immer, dass die nur den Mannschaftssport fördern. Also müssen wir uns anders als aufstellen. Als Team. Da müssen wir mit der Zeit gehen, müssen uns verändern und sind dabei.

Ist die Jenaer Leichtathletik nicht zu lange nicht mit der Zeit gegangen?
Klar ist: Es wird nie wieder so, wie es einmal war. Aber wir können da wieder anknüpfen. Wir haben heute andere Kinder, andere Sportler als damals. Die erfolgreichen Zeiten der 1970er und 1980er, als wir in der Welt etwas dargestellt haben, da kommen wir nicht wieder hin. Aber wir können uns das als Vorbild nehmen, bestimmte Sachen wieder aufgreifen.

Zum Beispiel?
Damals gab es ganz starke Trainingsgruppen, die unterstützt wurden. Und da wollen wir hin. Wir wollen wieder etwas Aufmerksamkeit erhaschen in Deutschland. Dass wieder die eine oder der andere den Adler auf der Brust tragen kann. Der der nächste, der den Adler trägt, wird zum Vorbild für die anderen, die dann heiß darauf sein sollen, selbst dahin zu kommen.

Heiß auf den Adler?
Zuerst darauf, deutschlandweit Aufmerksamkeit zu erregen. Dass wir wieder eine Macht werden. Es muss ein großes Ziel eines jeden Sportlers einer Eliteschule sein, für Deutschland zu starten. Wir haben 47 olympische Disziplinen. Dadurch ist vermeintlich einfacher, als wenn ich in eine Fünfer-Basketball-Mannschaft oder in eine Elfer-Fußball-Mannschaft kommen muss. Das ist nicht unmöglich.

Stichwort Elite. Wird dieser Begriff auch gelebt?
Die Sportler müssen das noch mehr verinnerlichen. Aber auch die Schule selbst muss sich etwas verändern. Aber vorrangig müssen das die Sportler mit ihren Trainern leben. Da spielen Eltern eine Rolle, externe Faktoren. Wir müssen uns noch stärker als Elite begreifen und diese elitären Dinge aus herausstellen, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich bin selbst Lehrer an dieser Schule und sehe, was Schüler leisten. Die trainieren acht bis zehnmal in der Woche, haben keine Ferien, keine Wochenenden. Aber ich sehe eben auch, was noch möglich ist.

Elite bedeutet Verzicht. Wird genug verzichtet?
Es ist heutzutage sehr schwierig, jemandem beizubringen, Verzicht zu üben. Wenn ich als Kindergartenkind mit den Eltern nach Mallorca in den Urlaub fliege, ist es schwer zu begreifen, dass ich das mit 16 nicht mehr kann. Aber das müssen die Eltern mitttragen und den Sportlern nahebringen. Wenn ich Leistung bringen will, und darum geht es, muss ich andere Dinge hinten anstellen. Ich kann nicht alles haben.

Wie vermitteln Sie das ihren Schützlingen?
Ich habe ein Buch gelesen: Leaders eat last. Das ist von Simon Sinek. Da geht es darum, dass die, die Menschen führen – und das tue ich als Trainer –, das auch selbst vorleben müssen. Ich bin der erste auf dem Platz und der letzte, der runter geht. Dass ich mein Wissen so einbringe, dass jeder so gut es geht individuell betreut wird. Ich lebe es vor. Ich liefere Leistung.
Wenn die Sportler sehen, dass ich alles gebe, dann ziehen sie mit. Egal, was am Ende dabei herauskommt. Ich selbst war als Leichtathlet kein Talent, ich war ein Arbeitsleichtathlet. Ich habe gelernt, was es heißt, sich Dinge zu erarbeiten. Und das versuche ich jetzt, zu vermitteln. Dass auch die, die das Talent haben, es auch nutzen. Und das immer in Verbindung mit dem Teamgedanken. Dass alle sehen: Da ist einer, der es schafft – warum soll ich das nicht schaffen?

Aber werden im Alter zwischen 14 und 16 nicht andere Dinge wichtiger als der Sport?
Ich muss die Athleten dort abholen, wo sie sind. Ich kann nichts verbieten. Wenn sie einerseits auf gewisse Dinge verzichten müssen, dann muss ich ihnen andere Dinge gestatten. Die Reizüberflutung ist aber da.

Aber zwischen zwei Sprüngen mal schnell eine SMS lesen oder schreiben, ist doch nicht förderlich, oder?
Vielleicht motiviert es ja. Jeder Sportler ist doch anders. Der eine braucht die Kopfhörer mit Musik, der andere braucht Ruhe. Das muss jeder für sich herausfinden. Für einen 15-Jährigen ist es heutzutage schwierig, sich zu fokussieren. Da braucht es auch die Unterstützung der Eltern. Es gibt aber auch Sportler, da sind die Eltern ehrgeiziger. Es gibt solche Eltern, die sich in ihren Kindern verwirklichen wollen.

Die laufen dann die 100 Meter nebenher und feuern an?
Auch das kommt vor. Aber es gibt auch die, die den Wettkampf zu Hause am Frühstückstisch auch noch mal auswerten. Das ist aber nicht notwendig, das ist als Trainer meine Aufgabe. Eltern sollten begleiten, sollten motivieren, sollten bestärken – aber die fachliche Seite sollten sie mir überlassen. Die große Zahl der Eltern steht da aber zu mir, unterstützen uns in der Vereinsarbeit. Die positiven Erfahrungen überwiegen.

Wie motivieren Sie ihre Sportler vorm Wettkampf?
Ich mache das ähnlich wie ein Fußballtrainer. Wir machen auch ein Abschlusstraining, nehme mir alle zusammen. Ich habe mir das schon abgeguckt beim FC Carl Zeiss oder bei Daniel Kraus vom FF USV. Da versuche ich, den Mannschaftscharakter reinzubringen. Dass sie sehen, ich arbeite fürs Team. Und der Sportler muss verstehen: Wenn er gut ist, ist er das nicht nur für sich, sondern eben auch für den Verein, den Stützpunkt, die Schule und für alle anderen. Und das bewirkt, dass es in Jena weitergeht, dass wir stark sind. Und dann steht es in der Zeitung.
Und so eine Motivation spielt eine große Rolle. Denn schnell bist du im Kopf. Beispiel Eleni Frommann. Die hatte bis zum Februar Probleme mit der Motivation. Die sind gelöst, die weiß, wo sie hin will und dass wir diesen Weg gemeinsam gehen.

Besteht da nicht die Gefahr, dass in einem Team bei dem einen oder anderen doch das Ego rauskommt?
Es gibt immer welche, die die Aufmerksamkeit für sich wollen. Und die sollen sie auch kriegen. Denn der Effekt, der entsteht, hilft wieder allen. Wir brauchen die schnellen ganz vorn, die Deutscher Meister werden können. Weil das sind wieder gute Vorbilder. Es ist wie im Fußball. Da wollen alle sein wie Reus, Götze oder Neuer.

Eine Unsitte im Fußball sind diese bunten Schuhe – gibt’s das auch in der Leichtathletik?
Ja, das spielt die gleiche Rolle. Gelbe oder pinkfarbene Spikes, dazu die passenden Klamotten. Selbst bunte Kompressionsstrümpfe gibt es. Man muss da aufpassen, dass nicht die Farbe der Spikes entscheidender wird als die Zeit im Ziel. Da muss man miteinander reden. Steter Tropfen höhlt den Stein. Es ist wichtiger, wie schnell ich im Ziel bin, wie ich mich um meinen Körper kümmere, um gesund durch die Saison zu kommen.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit der Uni?
Ja, die Uni ist Partnerhochschule des Spitzensports. In der Verbindung von Uni und Leistungssport können wir noch viele Dinge besser machen. Die Laufbahnberatung über den Olympiastützpunkt läuft nicht gut. Da werden unsere Sportler meist allein gelassen oder es wird sich viel zu spät gekümmert. Ich habe da manchmal das Gefühl, dass wir hier in Jena gegenüber der Landeshauptstadt etwas nachrangig behandelt werden.  Ich kann die Arbeit der Laufbahnberatung nicht einschätzen – nur das, was dabei für uns hier herauskommt, ist zu wenig. Vier Tage in der Woche in  der Blumenstadt und ein paar Stunden in Jena. Das kann nicht funktionieren.

Aber es gibt doch die Fürsprecher, die Thüringer Leichtathletik in Erfurt zu konzentrieren.
Da zitiere ich einen Vater einer sehr erfolgreichen Sportlerin aus Erfurt. Der hat gesagt: Erfurt braucht ein starkes Jena. Denn Konkurrenz belebt das Geschäft. Wir sind ein starker Stützpunkt. Wir haben den Vorteil, dass es in Jena nur einen Verein gibt. In Erfurt sind es fünf, die nicht auf einen grünen Zweig kommen. Bei den letzten Thüringens Meisterschaften haben wir 93 Medaillen geholt und sind Thüringens stärkster Verein geworden. Das spricht für sich.

Gibt es das Rivalitätsdenken mit Erfurt?
Nur im sportlichen Sinne. Wir haben aber auch eine Staffelstartgemeinschaft mit Erfurt bei nationalen Wettkämpfen. Alles in Erfurt zu konzentrieren, wäre falsch. Denn so haben wir den Ansporn, besser zu sein – trotz besserer Halle in Erfurt, obwohl man dort ein Stadion mit Laufbahn bekommen wird. Das ist doch eine Herausforderung.

Thema Stadion. Im nächsten Jahr sollen die Bauarbeiten in Jena beginnen.
Für mich ist es weiter nur eine Absichtserklärung – und die macht noch keinen Spatenstich. Ich akzeptiere, dass das Stadion für uns zu groß ist. Aber wir haben es verdient, ein kleines Stadion zu haben, in dem man auch Wettkämpfe machen kann. Wenn wir das bekommen, gönne ich den Fußballern ihr Fußballstadion. Es gehen weitaus mehr Leute zum Fußball – aber ich möchte nicht, dass wir hinten anstehen. Viele Fußballer gehören zu meinen Schülern. Und ich wünschte mir, dass die dann auch in diesem Stadion spielen. Und dann macht uns das auch stolz.

Was Leichtathletik und Fußball in Jena gemeinsam haben, ist die große Tradition. Wie pflegt der LC seine Tradition?
Wir binden verstärkt Sportler von früher ein. Heike Drechsler ist Vorsitzende des Fördervereins zum Beispiel. Marlies Göhr oder Renate Stecher helfen mit, Ingrid Lange hilft bei jedem Wettkampf mit. Wir haben da aber noch Nachholbedarf.

Ist der LC Jena zu spät gegründet worden?
Gerade noch rechtzeitig. Sonst hätte es die Jenaer Leichtathletik nicht mehr gegeben. Es braucht immer Mut, so etwas zu machen. Und es braucht Leute, die sich vorn dran stellen. Und hätte es keinen Bernd Jurke gegeben, gäbe es heute keinen LC Jena.

Quelle: Thüringische Landeszeitung